Interview mit dem Magazin first class
Nachhaltigkeit als Haltung
„Nachhaltigkeit ist keine Strategie, sondern eine Haltung.“
Mit diesem Satz bringt Magdalena Kessler, Gastgeberin des Naturhotels Chesa Valisa im Kleinwalsertal, ihre Philosophie auf den Punkt. Das traditionsreiche Familienhotel wurde kürzlich zum „Hotel of the Year“ ausgezeichnet – eine Ehrung, die weit über architektonische Schönheit oder kulinarische Qualität hinausgeht. Es ist die Anerkennung für gelebte Werte: echtes Miteinander, konsequente Nachhaltigkeit und eine Unternehmenskultur, die Menschen stärkt statt sie zu formen.
Im Gespräch erzählt Magdalena, warum sie lieber von NaturTALENTen als von Mitarbeitenden spricht, weshalb Verantwortung im Team geteilt wird und wieso Nachhaltigkeit für sie nicht bei Bio-Lebensmitteln endet, sondern in der Haltung beginnt – gegenüber Mensch, Natur und Zukunft.

Frau Kessler, herzlichen Glückwunsch zum Hotel of the Year. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?
Danke! Der Titel hat uns wirklich berührt. Wir sind ein kleines Familienunternehmen – und diese Anerkennung von außen fühlt sich an wie ein Stempel: Ihr macht etwas richtig. Wir haben nie darauf hingearbeitet; wir tun einfach, woran wir glauben, und sehen, dass sich daraus etwas Positives entwickelt.
Sie sagen: „Nachhaltigkeit ist keine Strategie, sondern eine Haltung.“ Wie zeigt sich das im Alltag?
Wir leben im Hotel so, wie wir privat leben. Seit 2003 kaufen wir zu 100 % bio ein – vom Fleisch bis zum Gemüse. Wir bauen auf Holzarchitektur und Lehmwände statt Klimaanlagen, arbeiten mit regionalem Holz und Handwerkern aus der Umgebung. Das ist nicht immer preiswert, aber den Preis wert. Nachhaltigkeit heißt für uns auch: faire Löhne, faire Preise für Lieferanten und ein respektvoller Umgang miteinander.
Können Sie ein konkretes Beispiel jenseits von Lebensmitteln nennen?
Wir verwenden keine klassischen Putzmittel. Gereinigt wird mit effektiven Mikroorganismen – Bakterien, die Verschmutzungen natürlich abbauen. Das schont Abwasser und Umwelt. In der Küche zeigt sich das messbar: Unser Fettabscheider muss nur zweimal pro Jahr geleert werden; bei Betrieben unserer Größe sind sieben Mal üblich.
Oft wird Nachhaltigkeit auf Technik und Chemie reduziert. Was gehört für Sie noch dazu?
Das Zwischenmenschliche. Wie gehe ich mit Menschen um? Wertschätzung, offene Kommunikation, Augenhöhe – das ist genauso Nachhaltigkeit. Wenn Mitarbeitende lange bleiben, ist das die beste Ressourcenschonung.
Sie sprechen von „Naturtalenten“. Was bedeutet das?
Ein Naturtalent ist jemand, der für etwas brennt. Vorbildung ist zweitrangig. Unser Barkeeper war früher Lagerist – heute lebt er Gastgebersein wie kaum ein anderer. Wir haben eine Naturtalente-Schmiede: monatliche Workshops, Wissensaustausch, interne Coachings. Ich frage oft: „Sag mir, was du liebst – und ich sage dir, wie dein Weg bei uns aussehen kann.“ Bewerben sich Leute z. B. für den Service, entdecken wir im Gespräch manchmal: Eigentlich wären sie großartige Frühstücksköche. Dann probieren wir das aus – ohne Angst vor „Fail and Error“.
Führung neu denken – wie organisieren Sie Verantwortung?
Unser Service hat keine klassische Leitung. Verantwortung wird verteilt: Dienstplan, Lagerordnung, operative Abläufe – in mehreren Händen. Das nimmt Druck, schafft Selbstwirksamkeit und passt zu flexiblen Modellen. Meine Assistentin ist zwei Tage pro Woche da – und leistet in dieser Zeit enorm viel. Entscheidend ist Wirkung, nicht Präsenz.
Spürt Ihr Haus den Fachkräftemangel?
Der Markt spürt ihn, wir hatten ihn auch – hatten. Als ich zurückkam, waren wir im „Brandlöschmodus“. Wir haben dann konsequent Kultur und Strukturen neu gebaut. Seitdem haben wir kaum Probleme. Grundsätzlich ist der Mangel auch hausgemacht: Wenn eine Branche nur jammert, ist sie nicht attraktiv. Unsere Branche macht Menschen glücklich – das sollten wir erzählen.
Klimaneutralität – Buzzword oder Pflichtprogramm?
Den Begriff darf man seit neuen EU-Vorgaben differenziert verwenden. Fakt ist: Wir reduzieren unseren Fußabdruck so weit wie möglich und kompensieren den Rest. Der größte Aufwand ist die Datenerhebung und das ehrliche Hinterfragen des eigenen Tuns. Externe Vergleiche motivieren: Liegen wir bei z. B. 2,3 kg CO₂ pro Gast und ein anderes Haus bei 1,8, fragen wir: Wie schaffen die das? Das spornt an.
Welche Rolle spielt Social Media für Sie?
Noch zu klein – das ändert sich. Aktuell ist es vor allem für bereits gebuchte Gäste. Ich bin dort das Gesicht, sehr authentisch, ohne „Schickimicki“. Der Feed ist die Visitenkarte, die Stories sind wir – oft mit meinem Bruder und mir, so wie wir wirklich sind.
Was können inhabergeführte Hotels besser als Ketten?
Sie denken in Generationen. Entscheidungen werden so getroffen, dass die Enkel weitermachen können – das ist echte Nachhaltigkeit. In Ketten wechseln Manager häufiger; Identität geht dabei leicht verloren. Familienbetriebe haben Herz, Hirn und Haltung.
Wie blicken Sie auf den Markt, wo Konzerne kleine Häuser kaufen und „instagrammable“ machen?
Das kann Identität kannibalisieren – gerade in Regionen, in denen der Gastgeber-Charme prägt. Kleine Häuser brauchen Klarheit über die eigene Geschichte und Kooperationen untereinander, sonst ist man marketingseitig chancenlos. Mein Wunsch an Gäste: Nehmen Sie sich fünf Minuten mehr und schauen Sie auch auf das Hotel neben dem erstbesten Suchtreffer.






































































































